proM² in der Presse

CASH, 05/2021
von Willy Zwerger

Christian Reitterer: „Ich glaube an Führungs-Charisma“

Wie ein Coach das Managementpotenzial in unseren Unternehmen sieht, erzählt proM²-Chef Christian Reitterer im exklusiven CASH-Interview.

CASH: Herr Reitterer, wer ist eigentlich von der Persönlichkeitsstruktur her als Führungskraft wirklich geeignet?

Christian Reitterer: Als Basiserkenntnis gilt: „Wer sich nicht selbst führen kann, kann nicht andere führen“. Führung bedeutet nichts anderes als sich selbst und andere Menschen in eine bestimmte Richtung zu lenken. Im Idealfall glaube ich an ein natürliches Führungscharisma. Beispielsweise sind dies Menschen, die einen Raum betreten und präsent sind. Schon in jungen Jahren Verantwortung übernommen haben, beispielsweise als Klassensprecher, im Sport, in sozialen Einrichtungen oder auch innerhalb der Familie.
Andererseits meine ich, dass es keine Ideal-Definition einer Führungskraft- Persönlichkeitsstruktur gibt. Abhängig von der Branche und der Situation, in dem sich das Unternehmen befindet, sind sicher unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen gefragt.
Versuchen wir als Gedankenexperiment eine einheitliche Persönlichkeitsstruktur von Jeff Bezos, Elon Musk und Peter Brabeck-Letmathe herauszufiltern. Ich könnte daraus kein Role Modell definieren. Man sieht an dem Beispiel wie vielschichtig und komplex effektives Leadership ist.

Welche menschlichen und fachlichen Kriterien muss eine Führungskraft mitbringen?

Neben fundiertem Wirtschafts- und Management-Wissen sind soziale Kompetenzen wie die Fähigkeit, im Team zu arbeiten, Offenheit für Diversität, andere zu inspirieren und gleichzeitig, widerstandsfähig gegenüber negativen, äußeren Einflüssen zu sein, essenziell. Unternehmen brauchen Führungskräfte, die den Mut haben, Dinge anders zu machen. Auch gegen Widerstände. Ebenso ist strategisches Denken, das frühzeitige Erkennen von Trends und der konstruktive Umgang mit komplexen Themenstellungen wichtig. Zu den Top-Skills gehören sicher auch Kommunikationsfähigkeit, effektives Zeitmanagement und ein digitales Grundverständnis. Die Basis für Resilienz und Selbstwirksamkeit einer Führungskraft ist der bewusste Umgang mit sich selbst. Dazu ist es erforderlich sich strukturiert mit seiner persönlichen Vision, seinem sozialen Umfeld, seinen psychischen und mentalen Zielen auseinander zu setzten.

Wie erkennt man als Coach Stärken und Schwächen und wo setzt man das Coaching an? Eher bei den Stärken oder eher bei den Schwächen?

Als Coach ist man abhängig von den Informationen, die man vom Coachee bekommt. Man arbeitet an den Herausforderungen des Coachees. Im Zuge dessen bekommt man natürlich ein Bild, das aber dennoch von der Sichtweise des Coaches geprägt ist. Desto transparenter die Information, desto besser die Ergebnisse. Unterstützend arbeite ich mit den Portalen MPA - Management Potenzial Analyse und EASI Persönlichkeitsprofil sowie auch mit anderen „Tools“, die helfen über sich selbst mehr Klarheit zu bekommen. Allein die gemeinsame Reflektion des Persönlichkeitsprofils bringt viele wertvolle Erkenntnisse zu den Stärken und Schwächen im Zusammenhang mit den Herausforderungen.

Wie würden Sie Ihren eigenen Führungsstil beschreiben?

Team mit Spitze und nicht Team als Spitze. Respektvoller und vertrauensvoller Umgang. Ich bin sehr transparent, authentisch und dadurch auch potenziell verwundbar. Mein Führungsstil braucht „erwachsene“ Menschen, die im breitesten Kontext Verantwortungsbewusst sind. Es ist mir wichtig, dass Menschen wahrnehmen, was sie durch ihr eigenes Tun erreichen können. Daraus schöpfen sie den Willen und Mut, sich zu engagieren. Mein Stil ist sicher auch durch intensive Kommunikation, sprich Dialog, geprägt.
Stärken verstärken, Schwächen managen. Das ist im Grundverständnis richtig, wird meist aber insofern falsch verstanden, dass an den Schwächen nicht zu arbeiten ist. Das ist dann im Besonderen nicht richtig, wenn der eigene Anspruch ist, ein High Performer sein zu wollen. Der Spitzensport gibt uns eine plakative Erklärung. Wenn ich beispielsweise ein Top Ten Tennisspieler sein will, aber einen Schwachpunkt bei Aufschlag habe, muss ich mir sehr wohl für diesen Themenbereich etwas einfallen lassen.

Wie wichtig ist es, als Führungskraft auch die Tätigkeiten meiner Mitarbeiter zu beherrschen?

Aus meiner Sicht müssen Führungskräfte nicht die Tätigkeit der Mitarbeiter beherrschen. Eine Führungskraft muss primär Rahmenbedingungen schaffen in der Mitarbeiter Höchstleistungen erbringen können. Die Anzahl fundierter Forschungsergebnisse zu den positiven Effekten, die sich daraus ergeben, wenn Menschen ihre Stärken ausleben können, ist groß. Natürlich muss eine gewisse Basiskompetenz gegeben sein für den Bereich, in dem man tätig ist. Mitreden können und „blöde“ Fragen stellen.

Wie wichtig muss einer Führungskraft Eigen-PR sein? Und zwar intern wie extern?

„Tue gutes und rede darüber“ hat sogar noch stärkere Bedeutung als je zuvor. Mit Zunahme der Informationsreize im Allgemeinen, empfehle ich eine persönliche PR-Strategie zu erarbeiten. Unter Berücksichtigung aller „Leads of Communication“, mit der Überlegung ob und wie man diese „bespielt“. Dazu ist es hilfreich sich auch strukturiert mit der „Marke Ich“ auseinander zu setzten.
Netzwerken auf Augenhöhe gehört zu diesem Themengebiet auch dazu. Netzwerke über die Unternehmens- und Branchengrenzen hinaus mit dem Ziel gegenseitigen Nutzen zu erzeugen. Die Anwendung von Erfolgskonzepten aus anderen Branchen, neu interpretiert für die Eigene, hat enormes Nutzenpotential. Ebenso hilft es bei Aufspüren von Trends.

Wie verhält man sich als Coach, wenn sich im Laufe des Coachings herausstellt, dass der oder die zu Coachende völlig ungeeignet für den Job ist?

Das ist mir in meiner Praxis noch nie passiert. Es hängt meiner Erfahrung nach mit dem Zusammen, dass jene die Ausbildung und Coachings in Anspruch nehmen, am Thema interessiert sind und sich immer weiter entwickeln wollen. Diejenigen, die den höchsten Bedarf hätten, machen meist nichts in dieser Richtung. Wohl auch wegen der Angst sich reflektieren zu müssen. Im Management hat man im Vergleich zur Gesamtbevölkerung einen überdurchschnittlichen Anteil an Psychopathen. Jene kommen bestimmt nicht zu mir ins Coaching.

Eine der erfolgreichsten Führungskräfte-Seminarreihen aus Ihrem Hause ist „Wie tickt der Einkauf“ – könnte ich dazu einige Eckdaten haben?

„Wie tickt der Einkauf“ ist erfreulicherweise eine Erfolgsgeschichte, da die Teilnehmer unmittelbar umsetzbare Erkenntnisse bekommen, die handfeste Vorteile in der Praxis haben. Udo Kaubek und ich haben 2007 mit einem Seminar begonnen. Dagmar Lang hat die Idee gut gefallen und sie hat mir vertraut, dass wir da etwas Besonderes schaffen können. CASH ist seither ein aktiver und treuer Kooperationspartner mit Handschlagqualität. Das Seminar besuchten bisher mehr als 800 Teilnehmer aus der Markenartikelindustrie. Über die Jahre hat sich eine Seminarreihe daraus entwickelt. Es gibt „Wie tickt der Einkauf 1, 2 und 3“ mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Seit letztem Jahr gibt es unser jüngstes Baby „Wie tickt der Einkauf – Leadership im Vertrieb“. Ich führe seit 2005 für zahlreiche nationale und internationale Unternehmen in vielen unterschiedlichen Branchen Leadership Ausbildungen durch. Da war es irgendwann mal naheliegend, auch durch meine Nestlé Vergangenheit, eine Führungskräfte Ausbildung speziell für die FMCG Branche auszuarbeiten.
Das „Wie tickt der Einkauf- Alumni-Treffen“ haben wir 2012 ins Leben gerufen. Es bietet durch den exklusiven, kleinen Rahmen ein sehr offene Dialogmöglichkeit mit Hochkaräter aus den Handelskreisen und hat auch eine sehr legere Atmosphäre zum Networken.
Aus der Seminarreihe heraus wurde 2014 die Idee eines Awards für den besten Vertriebsmanager Österreichs geboren. Der Sales-Life-Award „UDO“ ist der Oscar der Branche. Wir ehren würdig die „Pfeilspitze“ eines Unternehmens.

Wie funktioniert die Seminarreihe in Coronazeiten?

Wir haben 2020 keine Veränderungen bei den Buchungszahlen gehabt. Das war nur durch unser proM² Live-Studio möglich, aus dem wir mit drei Kameras übertragen und somit ein ultimatives Live-Erlebnis mit viel Interaktion und Action bieten. Die Auswirkungen des Ausnahmejahrs 2020 wird die Industrie wohl in Zukunft noch deutlich stärker herausfordern als es in der Vergangenheit der Fall war. Die Veränderungen in den Handelshäusern sind teils dramatisch. Wir adaptieren unsere Inhalte immer gemäß den Entwicklungen. Ich bin überzeugt das wir den Teilnehmern jenen Mehrwert liefern, den Sie in der Praxis brauchen. Wir werden in Zukunft, auch ohne Corona, rund die Hälfte unserer Veranstaltungen nur noch online anbieten.

Womit gleichen Sie Stress aus?

Ich habe für meine Vorträge ein Bild eines Vierkanthofes geprägt. Der Vierkanthof steht für Resilienz und Selbstwirksamkeit und nach den Inhalten, die ich dazu erzähle, lebe ich auch. Ein Video dazu gibt es auf meinem Youtube-Channel. Daraus auszugsweise ein Paar Gedanken zu Ihrer Frage: Achtsamer Umgang mit Gedanken und Worten. Bewusstsein vom Wert der Zeit, als auch der Beziehungsqualität mit Menschen. Sport, Ernährung und ausreichend Schlaf haben für mich einen hohen Stellenwert. Ebenso hilft mir Meditation und bewusster Umgang mit der Atmung sehr, um mit der Belastung proaktiv umzugehen. So ergibt sich eine gute Work-Life-Effectiveness.

Herr Reitterer, vielen Dank für das Interview.

Zur Person

  • Elf Jahre Führungskraft in Marketing- und Vertriebspositionen bei Head/Tyrolia International
  • Zwölf Jahre Führungskraft Marketing- und Vertriebspositionen bei Nestlé Österreich (inkl. Slowenien)
  • Diverse Ausbildungen zu den Themen Leadership and Change im Internationalen Nestlé Trainingszentrum in Rive-Reine/Schweiz und IMD Lausanne/Schweiz
  • Executive MBA an der IMADEC University
  • Sechzehn Jahre Unternehmer, Vortragender und Business-Coach

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