Golfrevue, 01/2003
Chefs am Grün: Christian Reitterer
Kann man Golf essen?
Christian Reitterer, oberster Marketing-Boss von Nestlé Österreich, liebt den mentalen Aspekt an Golf und hasst
Tee-Time-Sklaverei.
Beim untypischen frühen Start ins Golferleben von Christian Reitterer Ende der 80er Jahre treffen wir auf unseren ersten Gast der Serie "Golf in der Chefetage": Franz Deutsch, damals Chef von AMF, der damals auch Head, Tyrolia und Ben Hogan-Golf gehörte und die in Schwechat Golfbälle produzierte, förderte den Golfsport innerhalb des oberen Managements. Reitterer, zur Zeit Deutschs Produkt-Manager bei Head: "Wir haben in Wiener Neustadt, quasi auf Befehl von oben, erstmals Golf geschnuppert, und es hat mir von Anfang an getaugt, weil mich dieser Sport schon als Teenager interessiert hat." Damals waren die Vorbehalte groß: Ist Golf nicht zu teuer? Muss man empfohlen werden, wenn man einem Golfclub beitreten will?
Reitterer: "Es hat auch zu dieser Zeit nur vier Plätze im Umkreis von Wien gegeben: Enzesfeld, Hainburg, Wien- Freudenau und eben Wiener Neustadt." Heute, gute 15 Jahre Golf später, hält Reitterer bei Handicap 18 und ist damit hoch zufrieden: "Man muss sich gerade im Golf immer vor Augen halten, wie viel Zeit man in diesen Sport investiert und was man für sich selbst erwartet. Mir macht es Spaß, tolle Drives zu schlagen. Ich weiß aber auch, dass mir während einer Runde immer noch viele so genannte dumme Fehler passieren, um eine wirklich tolle Runde zu spielen. Aber wenn mir einmal mein Spiel aufgeht, weiß ich andererseits, dass ich durchaus eine Singlerunde spielen kann."
Das Tolle an Golf ist für Reitterer der mentale Aspekt: "Für mich ist dieser Sport eine Spielwiese des Lebens
im Kleinen, ein Spiel zur Selbsterkenntnis. Fast wie ein tägliches Check-up: Wie konzentriert bin ich? Wie bin ich in
Form? Und: Was ist meine Taktik?"
Reitterer nimmt Golf auch nicht allzu ernst und weiß mit seinen Emotionen Haus zu halten: "Warum soll ich in
Verzweiflung ausbrechen, wenn ich einmal einen Ball in den Wald schieße?"
Auch mit dem Ehrgeiz hält sich der Nestlé-Mann zurück: "Wie im richtigen Leben muss man sich auch im Golf
Ziele setzen und sich die Frage stellen: Wie viel investiere ich in dieses Ziel? Und da im Verhältnis mein Beruf
deutlich über meinem Golfspiel steht, ist meine Investition in den Beruf eine deutlich höhere." Immerhin hat
Reitterer 34 Marken, die unter Nestlé firmieren, zu vertreten und muss dabei den Spagat zwischen Babynahrung, Kaffee,
Cerealien, Kühlprodukten (wie Joghurt), Schokoriegeln und Hundefutter schaffen.
Kein Geschäft mit Golf Sein großes "Pech": Er kann Golf nicht vernünftig mit seinem Beruf verquicken,
"weil die meisten meiner Geschäftspartner nicht golfen".
Außerdem ist Nestlé zwar der größte Lebensmittelerzeuger weltweit, hat aber stark föderalistische Züge und ist
im jeweiligen Land sozusagen autark orientiert: "Wir haben mit Nestlé Nutrition wohl eine enge Zusammenarbeit mit
der European Tour, wo wir mit einem Tour-Bus vertreten sind und die Physiotherapie über haben. Dieser Vertrag wurde
aber von Nestlé Worldwide geschlossen und hat in Folge keine Auswirkungen auf Nestlé Österreich."
Wohl aber gibt es ein Büchlein*, das Nestlé herausgebracht hat, in dem die ideale Ernährung für Golfer erläutert
wird und wo man sich an Hand von Kalorien- und Nährwerttabellen optimal Richtung Golf ernähren kann.
Dass Nestlé sich zum größten Lebensmittelhersteller weltweit aufgeschwungen hat, ist vor allem den über die Jahre hinweg getätigten Akquisitionen zu verdanken. Reitterer: "Ausgehend von unserem Basisprodukt, der Babymilch, die der Firmengründer Henri Nestlé 1868 auf den Markt gebracht hat, wurden im Laufe der Jahre Firmen wie Maggi, unsere Umsatz-Nummer-1, oder, wie vor kurzem, Schöller in den Mutterkonzern eingemeindet."
Golf ist nicht alles im Leben
Obwohl Golf ein wichtiger Teil im Leben von Christian Reitterer ist, bleibt dennoch Platz für andere
Freizeitvergnügen. Reitterer: "Ich habe noch nie einen echten Golf-Urlaub verbracht. Das wäre mir zu langweilig,
weil ich sehr vielseitig interessiert bin. Ich mag diese Startzeit-Sklaverei nicht, da ich beruflich auch ständig unter
Termindruck stehe." Und so genießt Reitterer die eine oder andere Runde Golf, wenn es sich ausgeht. Hat aber auch
Spaß daran, in seinem Garten zu sitzen oder ein bisserl segeln zu gehen.
Außerdem, so Reitterer, sei er nicht der idealtypische Turnierspieler, weil er lieber auf eine Runde Golf mit Freunden
geht, um die spärliche Freizeit gemeinsam zu verbringen.
Einer dieser Flightpartner ist Franz Klammer, der etwa zur selben Zeit mit Golf begonnen hat und mit dem Reitterer eine
enge Freundschaft verbindet: "Wir haben immer sehr viel Spaß miteinander, obwohl mich der Franz nicht nur in eine
der peinlichsten Situationen meines Golferlebens gebracht hat, sondern auch daran schuld ist, dass ich kein besseres
Handicap habe."
Peinlich?
Reitterer: "Als ich auf Urlaub bei den Klammers in Kärnten war, hat mich der Franz zum
Christine-Vranitzky-Charity-Cup nach Zell am See mitgenommen. Auf meinen Einwand, dass ich nix G'scheites zum Anziehen
dabei hätte, hat er nur gemeint: Mach dir keine Sorgen, ich bin auch ganz leger unterwegs. Franz hat sich dann aber
voll in Schale geworfen, und ich war mit einem Shirt und Jeans der am schlechtesten angezogene Gast bei der
Abendveranstaltung. Einzig John Daly, der mit kurzer Hose und Birkenstock-Schlapfen aufgetaucht ist, hat mich noch
unterboten."
Und was hat Franz Klammer mit Christian Reitterers Handicap zu tun?
Reitterer: "Ich hatte zu Beginn meiner Golf-Karriere von meinem Vater einen Chipper geschenkt bekommen, mit dem ich
super zurechtgekommen bin. Als Franz mich dann damit spielen gesehen hat, hat er mich gezwungen, das Ding aus dem Bag zu
nehmen, weil das nix für echte Golfer sei und er mit mir nie wieder Golf spielen würde, wenn ich den Chipper nicht
entsorge." Reitterer entsorgte.
Vor kurzem hat Christian Reitterer diesen Chipper in seiner Garage wieder gefunden und reaktiviert: "Diesmal bleib ich hart, wenn der Franz mich häkerlt und verlangt, diesen Schläger wieder aus dem Bag zu entfernen."
